Alte Frau
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Aus der Werksreihe Lebenslinie

DER RENAISSANCEKÜNSTLER

RAINER SCHOCH

 
 

Ein Erneuerer der Erneuerung. Zur Bildsprache von Rainer Schoch

©  LENA NAUMANN / Mundus

Der Philosoph Peter Sloterdijk sieht als eine der zentralen Aufgaben von Kunst die Notwendigkeit, „die schöpferische Imitation in die Werkstätten zurückzuholen und dort die Frage neu aufzunehmen, wie das Wiederholungswürdige vom Nicht-Wiederholungswürdigen zu unterscheiden sei.“ Damit beschreibt er eine Aufgabe, welche für die Kunst seit Beginn der Renaissance vor sechshundert Jahren stets im Zentrum stand: Mit welchen innovativen thematischen, technischen und formalen Neuerungen überwindet der Künstler die Vergangenheit, formuliert das Neue seiner Gegenwart und weist auf die Möglichkeiten der Zukunft?   

Der Begriff Renaissance oder Rinascita (ital.: Wiedergeburt) wurde erstmals um 1550 vom italienischen Künstler und Künstlerbiografen Giorgio Vasari formuliert, um die Überwindung der dunklen und wenig innovativen Jahrhunderte des Mittelalters zu beschreiben. Im 15. und 16. Jahrhundert wurden das Wissen und die Ideen der griechisch-römischen Antike, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren, wiederentdeckt. Dichter wie Francesco Petrarca beschäftigten sich schon im 14. Jahrhundert mit antiken Schriftstellern und lobten den Wert humanistischer Bildung für die Entwicklung der Persönlichkeit. Wissenschaftler wie Poggio Bracciolini oder Niccolò Niccoli durchsuchten Klöster und Bibliotheken nach Werken von Platon, Cicero oder Vitruv. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken kamen griechische Gelehrte nach Italien und brachten ihr Wissen über die griechische Antike mit. Dies alles führte zu einem Aufblühen des antiken Humanismus. Mehr und mehr verstand man den Menschen als schöpferisches Individuum, das zu Entwicklung und Selbstoptimierung fähig ist. Diese Strömungen führten zu einer ersten großen Emanzipation vom geistigen und weltlichen Machtanspruch der Kirche. Das vormals theozentrische Weltbild des Mittelalters wurde durch ein stärker anthropozentrisches abgelöst. Diese Emanzipationsbewegung wirkte sich äußerst befruchtend auf die Künste aus. Künstler wie Leonardo, Brunelleschi, Ghiberti, Donatello, Michelangelo, Raffael oder Tizian formulierten in ihren Bildern und Skulpturen einen neuen, sich seiner selbst bewussten Menschen, dessen Nacktheit man nicht mehr als sündhaft, sondern als Symbol seiner natürlichen Schönheit und Unschuld ansah. Insbesondere Leonardo und Michelangelo transferierten die Höhe des wissenschaftlichen Forschungsstandes ihrer Zeit in ihre Kunstwerke, indem sie den menschlichen Körper präzise gemäß den neuesten anatomischen Erkenntnissen gestalteten und sich dabei nicht mehr von den Moralvorstellungen der Kirche beeinflussen ließen.

Heute, mehr als ein halbes Jahrtausend später, ist die Herausforderung, von der sich die Renaissancekünstler infrage stellen ließen, nach wie vor aktuell: Welche Werte, Inhalte und Motive aus Antike, Christentum und Renaissance sind es wert, dass man sie mitnimmt und weiterentwickelt? Was ist veraltet und hat sich überlebt? Was muss neu ins Bild, weil es Ausdruck unserer eigenen Zeit und unserer zukünftigen Möglichkeiten ist? Der Schweizer Künstler Rainer Schoch stellt sich diesen Fragen in seinem malerischen Werk in besonderer Weise, indem er mit den Meistern der Renaissance in einen Dialog tritt, ihre Motive aufgreift, mitnimmt, dabei verwandelt, verändert und mit neuen, heutigen Inhalten weiterentwickelt. So wird er zum zu einem Renaissancekünstler im ursprünglichen Wortsinn: er schafft Neues durch eine zeitgemäße Wiedergeburt des Alten.   

Von der Kopie zum Original   

Rainer Schoch wurde 1957 in Öhningen am Bodensee geboren. Seit vielen Jahren lebt und arbeitet er in Kaltenbach in der Schweiz. Sein zeichnerisches und malerisches Talent zeigte sich schon im Grundschulalter. Ursprünglich wollte Rainer Schoch Karikaturist werden, entschied sich aber zunächst für einen bürgerlichen Beruf und machte sich in den 1980er Jahren mit einem Unternehmen für künstlerische Raumgestaltung selbständig. Es war letztlich sein außergewöhnliches Talent als Kopist, weshalb er über Umwege dann doch Künstler geworden ist. Mozart sagt man nach, er habe ein absolutes Gehör besessen, also ein Tonhöhengedächtnis, das sich niemals irrt. Rainer Schoch besitzt, analog gesehen, ein absolutes Auge: er kann ein Meisterwerk von Tizian oder Caravaggio so originalgetreu kopieren, dass nur Fachleute die Kopie vom Original unterscheiden können bzw. nur die Frische der Leinwand verrät, dass es sich nicht um ein fünfhundert Jahre altes Gemälde handelt. Rainer Schoch besitzt die Fähigkeit, derart fotorealistisch zu malen, dass seine Ölgemälde nur bei nahem Hinschauen von einem Foto zu unterscheiden sind. Dieses Talent führte in den vergangenen Jahrzehnten zu unterschiedlichsten Projekten: So gestaltete er den ersten Behindertensportkalender für die Paralympics 2002 in Salt Lake City, eine Serie von Oldtimer- und Formel-1-Bildern oder arbeitete als Zifferblattdesigner für die Schweizer Uhrenindustrie. Anfang der 1980er Jahre, während eines mehrjährigen Aufenthalts in Saudi-Arabien, malte er die Villa des früheren Königs Faisal mit Kopien von Werken der europäischen Hochkunst aus. Einige Jahre später kam jedoch ein Punkt, an dem ihm das Nachmalen der großen Meister nicht mehr genügte, auch wenn es unter technischen Gesichtpunkten eine wichtige Schule war, die ihn mehr über Malerei gelehrt hat als er auf einer Kunstakademie hätte lernen können. Eines Tages fiel ihm ein Bildband über die Malerei der Renaissance in die Hände und der Geschichtenerzähler in ihm wurde wach. Rainer Schoch erkannte, dass man die Bildgeschichten von Raffael oder Caravaggio, Botticelli oder Mantegna anders erzählen sollte. Er begann mit seiner Erneuerung der Renaissance-Malerei ein Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist.   

Christus – kritisch gesehen   

Wie bei den Malern der Renaissance steht auch bei Rainer Schoch die Gestalt des Jesus von Nazareth häufig im Mittelpunkt seiner Bildkompositionen. Raffaels Sixtinischer Madonna mit dem Jesus-Knaben aus der Dresdner Galerie Alte Meister setzt Schoch eine afrikanische Flüchtlingsfrau mit ihrem erschöpften Kind in den Bildvordergrund. Während in der oberen Bildhälfte die Gottesmutter stolz ihren Sohn als Erlöser präsentiert, zeigt Schoch, dass es zweitausend Jahre später mit der Erlösung wohl nicht so weit her ist – ein Bild, das im Angesicht der Flüchtlingskatastrophe vor Lampedusa beängstigend aktuell ist. Die Tiara des Papstes in der unteren linken Ecke ist ein dezent-ironischer Hinweis mit vielen Konnotationen – auch derjenigen, dass die überholte Sexualmoral und kondomfeindliche Haltung der katholischen Kirche an Leid und Elend der Überbevölkerung eine Mitverantwortung besitzen. 

Wenn Rainer Schoch die Verklärung Christi von Fra Angelico aus dem Dominikanerkloster San Marco in Florenz aufgreift und die Christusgestalt mit Korallenfischen umgibt, ist auch dies nicht ohne Doppeldeutigkeit: Der Fisch galt in der Antike als Erkennungszeichen der Christen; Jesus von Nazareth wollte seine Jünger zu Menschenfischern machen. Rainer Schoch hat absichtlich die Krakelüren, also die Risse in der Malschicht der Christusgestalt, übernommen. Sein Jesus ist in die Jahre gekommen. Als vorgeblicher Gottessohn überzeugt er längst nicht mehr wie früher und seine Menschenfischer glänzen vor allem durch ihre schöne Fassade. Im Bild Henne oder Ei?, das die Geburt Christivon Piero della Francesca aufgreift, beschäftigt sich Rainer Schoch mit der Frage nach dem Ursprung. Wen sollen wir anbeten, wer war zuerst da: die Henne oder das Ei, der Schöpfer oder die Schöpfung? Hier thematisiert Schoch, ausgehend von einer alten aristotelischen Fragestellung, die quantenphysikalische Erkenntnis, dass Schöpfer und Schöpfung letztlich eins sind. Die Schöpfung schöpft sich aus sich selbst heraus. Physiker haben längst herausgefunden, dass es den Dualismus von Schöpfer und Geschöpf in Wirklichkeit gar nicht gibt; er ist ein gedankliches Konstrukt des Menschen zur besseren Erklärung der Welt, das sich wissenschaftlich seit langem überholt hat. Schöpfer und Geschöpf sind auf einer subatomaren Ebene ein und dasselbe - letztlich reine Energie. Leise und ironisch spielt Rainer Schoch hier auch mit dem Einstein´schen Satz „Gott würfelt nicht“. Im künstlerischen Zitat von Caravaggios Grablegung Christi (Titelbild) wird die Christusgestalt nicht nur wörtlich ins Grab gelegt, sondern in einem umfassenden, existentiellen Sinn: Wissenschaftler haben herausgefunden, dass die DNA aller Menschen eine Gensequenz enthält, die für das menschliche Bedürfnis nach Religion verantwortlich ist. Das erklärt, warum in allen Kulturen unabhängig voneinander Götter angebetet und verehrt werden. Das menschliche Bedürfnis nach Gott ist genetisch verankert, von daher hinterfragbar. Christus wird durch den blauen DNA-Strang als bloße Projektion unserer Gene entlarvt und in seiner Funktion als Gottessohn zu Grabe getragen: Er war nur ein Mensch, den unsere DNA zum Gott hochstilisierte.   

Das DNA-Thema taucht auch in einer Arbeit auf, in der Rainer Schoch ein sich eng umschlingendes Paar aus der Geburt der Venus von Botticelli – den Westwind Zephir und die Morgenbrise Aura – aufgreift und zu einem Elternpaar umdeutet, das seinem Embryo über die DNA Leben einhaucht. Kein Gott ist der Schöpfer neuen Lebens, sondern ein Mann und eine Frau, die selber zu Schöpfern werden und über den Weg ihrer Gene neues Leben entstehen lassen. Hier wird nicht Venus neu geboren, sondern ein Kind, das als Metapher für die Liebesgöttin ihren Platz einnimmt. In diesem wie auch den anderen Bildern zeigt sich eine weitere Gemeinsamkeit, die Rainer Schoch mit den alten Renaissancekünstlern teilt: er treibt die Emanzipation von kirchlicher Deutungshoheit weiter voran und stellt den emanzipierten Menschen in den Mittelpunkt seiner Bildschöpfungen. Schöpfung und Mensch schöpfen sich selbst. Einen Gott brauchen sie nicht mehr.   

Das Wandfresko Der Borgobrand von Raffael stand Pate für ein weiteres Werk, das sich auf eigenwillige Weise mit dem Thema Altersarmut auseinandersetzt: Die Jungen müssen die Alten stützen. Ein junger Mann trägt einen Greis Zur Frucht des Lebens, so der Titel des Bildes, und ein gläserner Mensch, Symbol für die Prophezeiungen von George Orwell, ist fixiert darauf, wie er dem brennenden Problem entkommen kann. Nicht ohne Grund schaut der Greis auf die Orangen, die in der Symbolik als Fruchtbarkeitssymbole gelten. Die Alten wollen jung bleiben. Das Surrealistische an diesem Jugendwahn wird von Schoch mit einer viereckigen Orange zum Ausdruck gebracht, die zarte Assoziationen an René Magritte anklingen lässt. Auf leise Art zeitkritisch wird Rainer Schoch auch im Bild des heiligen Sebastian, der von Burkaträgerinnen mit Pistolen bedroht wird. Die Vorlage für dieses Werk war der Heilige Sebastian von Andrea Mantegna aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Das Bild weist ohne Worte darauf hin, dass nicht nur Muslime in der westlichen Welt Ablehnung erfahren, sondern im arabischen Raum auch eine subtile bis offenkundige Ablehnung und Verfolgung von Christen stattfindet. Dass die Burkaträgerinnen ihren Finger nicht an den Abzug legen, ist ein Zeichen der Hoffnung des Künstlers, dass es möglich sein wird, die Eskalation des Konfliktes zu verhindern über den Weg von Toleranz und Dialog.   

Die Arbeiten von Rainer Schoch sind ähnlich großformatig wie viele der von ihm zitierten Renaissancebilder. Bildhöhen oder -breiten von anderthalb bis zweieinhalb Metern sind bei ihm nichts Ungewöhnliches. Diese gewaltige Größe lässt den Betrachter zum Teil des Bildraumes werden.   Rainer Schoch wird seinen Dialog mit bedeutenden Meisterwerken der Renaissance fortsetzen. Im vergangenen Jahr hat das neu eröffnete Museum der Südwestdeutschen Kunststiftung, das MAC in Singen, drei Werke von Rainer Schoch erworben und wird im kommenden Jahr eine große Ausstellung mit Arbeiten aus dem Renaissance-Zyklus zeigen, der interessierten Besuchern die Möglichkeit gibt, diese außergewöhnlichen Werke live zu erleben.